Es war einmal, so glaubt es mir,
war fast im Jetzt und bald im Hier,
war als die Erde noch jung war,
die Himmel noch lichtklar,
die Freiheit noch weit und die Menschheit gescheit,
die Sprache noch eins
und von Dummheit noch keins,
und dein Leben noch deins;

Es war einmal, war irgendwann, Und nur ein Lügner glaubt nicht dran.

Einst besah sich ein Wesen die Welt, so schön, wie sie war, und es lachte, weil es sie gab. Der Wind trug das Lachen davon, zu Orten, an denen es mehr gebraucht wurde als hier in diesem glücklichen Augenblick, und da tat er bestimmt gut daran. Es kostete die Farbe des Himmels mit seiner Zunge, und fand, dass sie genauso schmeckte wie der Fluss, den es wieder und wieder küsste. Das sah man an den kleinen gekräuselten Wellen, die sich wie Kussmünder erhoben, bereit, dem Himmel entgegenzukommen, ihn in sich aufzunehmen. Das wilde Wesen lernte, dass zwei sich spiegeln müssen, um die eigene Schönheit erkennen zu können, und es fand ein neues Gefühl dabei. Unruhig stand es auf, lief hin und her, den schönen buschigen Schweif zu einem Fragezeichen gerollt, die schillernden Federn aufgestellt, und rieb die weiche Schnauze an einem schillernden Stein, der sich am Ufer sonnte. Dieser reckte und streckte die schweren Glieder, murmelte etwas Leises von Schatten und Licht, und schlief wieder ein.

Ich fühle mich allein, dachte das Wesen, und das Glück tänzelte leise davon. Es mag es nicht, wenn man zu viel denkt, es ist ein zu sonderbar zerbrechlich Ding für das scharfe Schwert des Verstandes. Da zogen, wie innen, so außen, Wolken über den leuchtenden Himmel. Die Sonne verbarg ihr strahlendes Gesicht, und das Wesen fühlte sich verstanden; fühlte, dass es Dinge gibt, die immer gleich und immer anders und immer zyklisch sein werden. Seine Sehnsucht stieg einer Spirale gleich hinauf zu der strahlenden Scheibe, und es fühlte, dass es eins werden müsste mit ihr, um sein Glück wiederzufinden.

So tappste es, eine Pfote vor der anderen, durch das grüne Gras und viele kleine Blumen, und fand ein Nugget von Gold. Wie schön es ist, dachte es, und wie viel einfacher zu erreichen als die Sonne! Da nahm es das Nugget auf, und steckte es in eine seiner Taschen, die es auf dem Rücken trug. Schwer hing es da, ähnlich der Sonne und doch nicht gleich, und das Wesen spürte sein Gewicht. So bin ich niemals alleine, sagte es, und lächelte. Doch mit der Zeit begann das Goldstück zu schmerzen, es hatte Ecken und Kanten, und es war doch zu nichts nutze zu schimmern im Abglanz der Sonne. Doch was man lange mit sich trägt, das gewinnt man aus Gewohnheit lieb, und so ertrug das Wesen die scheuernden Stellen. Nicht lange, da fiel die erste Feder zu Boden, und danach die zweite, und eine dritte… Alle Dinge, die wir tragen, hinterlassen Narben, und in das Lächeln des Wesens grub sich die erste Falte.

Müde legte es sich hin, und wollte ein wenig ausruhen, da sah es vor sich im Dickicht der Büsche ein Ei. Es war aus dem Nest gefallen, ein wenig aufgebrochen, und der goldene Dotter sickerte heraus. Voller Mitleid nahm das Wesen das Ei auf, rupfte sich ein wenig Fell aus, polsterte die schadhafte Stelle. Es hüllte es behutsam in Stroh, und packte es auf seinen Rücken. Doch das Ei war schon kaputt, und noch so viel Liebe vermochte es nicht zu retten. So faulte es auf dem Rücken des Wesens vor sich hin, und ein subtiler Gestank breitete sich aus. Kleine Insekten, die bisher immer das Wesen begleitet hatten, blieben aus; und so ward es still um den, der doch nur helfen wollte.

So begann es eine trügerische Gemeinschaft mit dem Ei zu schmieden: es wurde sein Zentrum, sein Weltenei, und alles um die beiden herum wurde ohne Belang. Das Wesen erhob den Blick nicht mehr zum Himmel, die Sonne spiegelte sich trübe im weißen Abglanz der Schale, und auch Regen und Windrichtung konnte es getrost von seinem Ei ablesen. Es bettete sich nur noch so, dass das Ei den Boden nicht mehr berühren musste, nahm ihm alles Unbequeme ab. Doch das kümmerte das Ei nicht; es hatte seinen Riss im Fokus, faulte und gärte selbstbezogen vor sich hin, und wie es dem Wesen ging, kümmerte es nicht.

Eines Tages platzte es auf, als das Wesen erschöpft auf dem gemeinsamen Pfad zusammenbrach, und die Erschütterung es ins Wanken brachte. Noch im Auslaufen klangen die Vorwürfe, die es dem Wesen zurief, bitter und faulig, es wäre lieber am Nest liegengeblieben… Da weinte das Wesen, große, salzige Tränen – doch es ist ein Wunder im Wasser und im Salz der Erde, ein reinigendes kleines großes Wunder, und es wusch den Gestank nach Selbstvergessenheit aus des Wesen‘ Pelz. Da kamen die kleinen Insekten wieder. Manche labten sich an den Wunden des Wesens, manche trugen die letzten Schwären davon. Und es kam der Tag, an dem es sich schüttelte, dass die alten Federn flogen und der Pelz zerzauste, der schöne Schweif sich wieder gen Himmel aufrichtete, die Ohren sich aufstellten und die müden Augen sich neu öffneten für die Schönheit des Lebens.

Da begriff das Wesen, dass man keinen tragen darf, wenn man dessen Pfad nicht kennt. Es breitete seine Flügel aus, es spross ein neues Federkleid in dem alten Staub des Weges, doch zu Fliegen war so seltsam schwer! Das Gold drückte und zerrte mit Verheißung und Verantwortung. Das Wesen lachte leise – seit langen Zeiten zum ersten Mal – , dankte ihm und liess den trügerischen Reichtum, der doch nicht alles kaufen kann, für jene zurück, die ihn brauchten. Es fühlte sich seltsam; eine vage Erinnerung an eine andere Zeit trieb heran, wuchs wie ein Samenkorn, und das Wesen kam in seine ureigene Kraft. Ein Wind frischte auf, und das Wesen glitt davon. Wo der Wind es hingetragen, ja, das weiss kein Mensch zu sagen… es wird wohl noch viele getroffen haben, und vieles gelernt, vieles erfahren und manches erlebt; doch etwas ertragen, das hatte es gelernt, etwas anderes tragen als das eigene Schicksal muss kein Wesen.

Es nimmt nämlich den anderen Wesen die Erfahrung und das eigene Erkennen dürfen, und wenn es noch so gut gemeint ist. Denn manchmal, manchmal ist ein liebevolles Nein zu Anderen ein Ja zu sich selbst. Und zu sich selbst finden, und sich selbst in Freude leben, das ist der Weg derer, die sich im Himmel und in der Erde und im Fluss spiegeln. Das wusste das Wesen nun genau, und lachte laut und dröhnend, sang mit dem Wind sein uraltes Lied von Freiheit, die keine anderen Grenzen kennt als die des eigenen Begreifens.

Wenn ihr es antrefft, sagt ihm meine Grüße. Unsere Seelen erkannten sich, als wir uns trafen, und wir reden miteinander in stummem Verstehen. Es wird wissen, von wem ihr sprecht. Ganz bestimmt.